• Mit Tourenski durch Norwegens Einsamkeit

    Unterwegs im Sonnenaufgang

    Unterwegs im Sonnenaufgang

    Von moritzboldt

    Mit seinen einzigartigen, runden Bergkuppen zieht der Rondane Nationalpark während der kurzen Sommermonate Wanderer und Bergsteiger an. Doch auch im Winter haben Outdooraktivitäten auf dem Hochplateau ihren Reiz. Sechs Etappen Cross-Country Wanderung auf Skiern in der unglaublichen Schneelandschaft Norwegens.

    Es tut gut, wieder die eisige Luft einzuatmen und in der absoluten Stille des norwegischen Winters eingeschlossen zu sein. Nachdem wir letztes Jahr zu acht in einem üblen Schneesturm unerträglich langsam vorangekommen sind, sind wir dieses Jahr nur zu viert unterwegs.

    Da die Ostersaison bereits vorüber ist, haben wir fast den gesamten Nationalpark für uns. Insgesamt werden wir in sechs Tagen lediglich zwei anderen Skiläufern begegnen.

    Wie jedes Jahr gehören die ersten Kilometer aufgrund der mit dem Aufbruch verbundenen Aufregung und zahlreicher Stürze zu den besten der Tour. Nur langsam gewöhnen sich unsere Beine an die ungewohnte Bewegung, die einen durch den Tiefschnee gleiten lässt. Schon bald, als die letzte Hütte bereits aus unserer Sichtweite verschwunden ist, verlassen wir den markierten Weg und vertrauen nur noch auf unser GPS.

    Abgekämpft bei eisigem Wind

    Abgekämpft bei eisigem Wind

    Nicht nur geografisch, auch optisch markiert das Schutzgebiet den Übergang zwischen den schroffen Felshängen Jotunheimens im Norden und den sanften Hügeln der Haardangavidda im Süden. Genau dies macht den Rondane Nationalpark zur idealen Gegend für eine Cross-Country-Skitour von Oktober bis April. Je nach Anspruch lassen sich steile 1000-Höhenmeter-Aufstiege oder relativ ebene, verhältnismäßig leichte Etappen zu einer Tour zusammenstellen. Ganz Hartgesottene bauen sich jede Nacht ein Iglu, während der Großteil der überwiegend aus Norwegen stammenden Touristen das hervorragende Hüttennetz der norwegischen Touristenorganisation DNT nutzt.

    Wir erreichen nach etwa vier Stunden den geräumigen Hüttenkomplex von Rondavasbu, unser eigentliches Tagesziel. Das gute Wetter und die mit –5 Grad ungewohnt milden Temperaturen veranlassen uns allerdings, die 12 Kilometer zur Selbstversorgerhütte von Bjornhollia noch am selben Tag anzugehen. Es kommt, wie es kommen muss: Keine 30 Minuten später – wir kämpfen uns gerade fluchend den Steilhang zu einem Hochtal herauf – verdunkelt sich der Himmel, und es beginnt zu schneien. Die Witze des Vormittags sind verstummt. Mit einer solchen Prüfung direkt am ersten Tag hatte keiner gerechnet, vor allem nicht Felix, der zum ersten Mal dabei ist. Kurz bevor wir endlich den erlösenden Kamin von Bjornhollia erreichen, zerkratzen uns bei der Abfahrt zur Hütte die Zweige des dichten Nadelwalds Gesichter und Jacken.

    Glücklicherweise haben wir in den nächsten Tagen mehr Glück mit dem Wetter. Zwar schmerzen bald Blasen an den Füßen und der 20kg schwere Rucksack auf dem Rücken, der Blick auf das weite, sich bis an den Horizont erstreckende Plateau lässt keine schlechte Stimmung zu. Und an besonders kalten Tagen heitert der mitgeschleppte Obstler schon bei der Mittagspause im Schneeloch die Gemüter auf.

    Der Schneesturm beginnt

    Der Schneesturm beginnt

    Erst am fünften Tag, als wir uns bereits auf dem Heimweg von Grimstahlshytta in Richtung Doralseter befinden, bricht erneut ein Sturm über uns los. Dieses Mal ist der Gegenwind so stark, dass wir nur unter Aufwendung aller Kräfte vorwärts kommen. Die großen Rucksäcke wirken wie Segel – nur leider in die falsche Richtung. Wegen der beschränkten Sicht ist es unmöglich, die Wegmarkierungen zu erkennen. Auch das GPS ist bei so dichtem Schneefall mangels Signal nutzlos geworden. Immer wieder verlieren wir den Weg und starren verzweifelt suchend in den tosenden Sturm. Der Unterschied zwischen Erde und Himmel lässt sich nicht mehr ausmachen, und ob wir bergauf oder bergab laufen, kann ich nur noch an der Schwerfälligkeit meiner Schritte beurteilen. Die gnadenlose Kälte ermöglicht keine Mittagspause und schon nach wenigen Stunden sind sämtliche Flüssigkeitsvorräte gefroren. Für die an sich kurze Etappe von 11 km, die wir unter Normalbedingungen in drei Stunden hinter uns gebracht hätten, brauchen wir an diesem Tag mehr als neun Stunden. Fix und fertig, aber überglücklich, kein kraftraubendes Iglu bauen zu müssen, kommen wir noch vor Sonnenuntergang in Doralseter an.

    Der Rondane Nationalpark bei Sonnenschein

    Der Rondane Nationalpark bei Sonnenschein

    Im Nachhinein betrachtet sind es nicht nur die fantastischen Landschaftseindrücke und die gemütlichen Hüttenabende, die eine solche Tour zu einem einmaligen Erlebnis machen – sondern auch gerade dieser Kampf mit den Elementen.

    ANREISE: Für 100 Euro hin und zurück mit Norwegian Air von Berlin nach Oslo, weiter mit dem Zug in den kleinen Ort Otta, per Taxi hoch zur Hüttenansammlung namens Mysusaeter: in sieben Stunden ist man vor dem Aprilwetter Berlins in den meterhohen Schnee der Berge Norwegens geflüchtet.