-
Härter als man denkt: Paddeltour auf der Schweriner Seenplatte

Im Schweriner Schilf
Von Thompson
Der Urlaub steht vor der Tür und weil wir Städter sind, aber trotzdem Naturburschen sein wollen, wird die Schweriner Seenplatte abgepaddelt. An der Fleether Mühle leihen wir Canadier, Ruder, Proviant, Wasserkarte und guten Ratschlag. Ausgerüstet beginnt dann der Kampf gegen Mücken, Schweiß, Muskelkater und den eigenen Schweinehund. Ambitionierte Hobbysportler schaffen die 44 Kilometer in zwei bis drei, wir in vier Tagen. Unsere Route macht einen Kreis und sieht 12 Seen sowie diverse Kanäle vor. Wildes Campen ist verboten, deshalb laufen wir jeden Abend einen Zeltplatz an. Am Ende werden wir fast 30 Stunden auf dem Wasser gewesen sein bei sechs bis acht Stunden pro Tag. Tortur, ja, aber auch Herausforderung.
Wir wassern das Boot und sofort stellt sich uns der Rätzsee entgegen. Noch beweisen wir Muße für sattgrüne Uferbeschilfung und brütende Kraniche. Nach 5,5 Kilometern biegt rechts die Drosedower Bek ab und mündet im Gobenowsee. Auch der ist schnell durchschifft, das Paddel schneidet mühelos durch die Wellen. Den Klenzsee bedeckt ein perfekter Seerosenteppich und in Wustrow winkt mit der Übertragstation schon das erste Etappenziel. Auf dem kleinen Campingplatz regenerieren unsere Körper, da im anliegenden Dorf zur Prime-Time die Bürgersteige hochgeklappt werden.

Die Rundtour über die Seenplatte
Am Morgen des zweiten Tages setzt der Canadier in den Plätlinsee ein. Erstmals protestieren meine Muskeln verhalten, zumal der blaue Gigant nur im ausgetonnten Bereich befahren werden darf und wir der Geborgenheit und Wellenstille des Seerandes beraubt sind. Glücklicherweise stellen Finow- und Wangnitzsee keine Hürden dar, weil es jetzt zur ultimativen Willensprüfung kommt. Was den Radfahrern der Alpe d’Huez und dem Bergsteiger die Nordwand, ist uns der Große Priepertsee. An Strecke steht er seinen Vorgängern zwar nach, nicht aber an Tücke: tosender Gegenwind, plötzliche Strömung, hohe Bugwellen und brennende Sonne. Tunnelblick, Stich rechts, durchziehen, drehen, rausholen. Wasser schwappt ins Boot, die Böen schwellen zum Tinitus. Ich darf nicht aufgeben. Übergreifen, Armwechsel, Blasen an den Händen, Milchsäure sogar in den Beinen, jede Faser arbeitet mit. Mein Körper resigniert irgendwann, allein der Geist paddelt weiter. Als es zu dämmern beginnt, sind wir am Ende des Sees und auch der Kraft. Den Übergang in den Ellbogensee nehmen wir nicht mehr wahr, das Boot trudelt aus und steuert bei grillenzirpender Dunkelheit den Campingplatz nahe Großmenow an. Mehr als die Hälfte des Weges ist hier geschafft. Wir haben das Licht gesehen, Katharsis erfahren.
Der dritte Tag beginnt mit der Schleuse Strasen, einem historischen Bau von 1845. Wir reihen uns brav vor der Ampel ein und lassen bei grünem Licht erst die Yachten in den Schleusenbauch einfahren. Bevor die Schotten schließen, drängen sich die kleinen Boote in die winzigen Lücken wie Fliegen an einen Elefanten. Das Wasser hebt uns empor und entlässt alle in den Großen Pälitzsee. Unsere Route schneidet den nördlichen Teil nur und führt in den Kleinen Pälitzsee. Die vergleichsweise entspannte Etappe beendet der Campingplatz Canow auf Steuerbord. Wir ziehen unser Gefährt auf den kleinen Sandstrand, dann falle ich in einen traumlosen Schlaf.

Der Amazonas von Meck-Pomm
Am vierten und letzten Tag entschädigt das erfrischende Naturbad von einem der Stege für etliche Strapazen. Acht Kilometer, drei Seen und zwei Schleusen trennen uns von festem Boden unter den Füßen. Nach der Schleuse Diemitz kürzen wir den Vilzsee ab und laufen in die Oberbek ein. Unsere Ruder durchkämmen den Kanal im Schlussakkord, die Verheißung vom Ziel setzt letzte Reserven frei. Als die alten Flügel der Fleether Mühle durch die Baumkronen blitzen, hat die Odyssee ein Ende. Bin ich jetzt ein anderer Mensch? Nein, aber reicher um versteifte Gelenke, verschorfte Hände, wunderbare Einblicke in unberührte Natur und die Erkenntnis, dass der Körper unter Extrembedingungen tatsächlich zur Maschine wird.
Kategorie: Ohne Kategorie | Tags: Kanu,Paddeln,Paddeltour,Schweriner Seenplatte
Verwandte Beiträge
Aktuelle Beiträge
- Himalaya Klassiker: der Annapurna Trek
- Wanderweg im Herzen Schwedens
- Volcanic Times!
- Durch die Stromschnellen des Apurimac
- Mit Tourenski durch Norwegens Einsamkeit (1)
- Spanien anders: Trekking in der Sierra Nevada
- Skigebiet Italien: Dolomiten (Dolomiti Superski)
- Skigebiet Österreich: Arlberg
- Von Kletterpartien und gefletschten Lefzen– unterwegs auf dem Lykischen Weg
- Trekking ohne Bergführer: Tipps und Packliste