• Auf dem Vulkangletscher – Eine Besteigung des Cotopaxi (5.897m)

    Geschafft! Der sanfte Gipfel eines harten Berges

    Geschafft! Am sanften Gipfel eines harten Berges

    Von moritzboldt

    Der Cotopaxi in Ecuador ist der zweithöchste Berg der Welt – zumindest vom Mond aus gemessen. Und er ist einer der höchsten aktiven Vulkane der Erde. Eine Besteigung des perfekten Gletscherkegels bietet auch weniger erfahrenen, aber gut akklimatisierten Höhenbergsteigern die Möglichkeit, mit Führer und Eisaxt das Abenteuer in dünner Luft zu versuchen.


    „Los geht’s!“, Enrique, unser Bergführer, rüttelt Jonas und mich wach. Nachdem wir die letzten drei Wochen mit Akklimatisationstrekks in den ecuadorianischen Anden verbracht haben, ist es nun endlich so weit und wir können mit der Besteigung des 5897 Meter hohen Cotopaxi beginnen. Es ist Mitternacht, und die Temperaturen liegen selbst im ungemütlichen Schlafsaal, in dem seit drei Stunden 50 Bergsteiger versuchen noch die eine oder andere Minute Schlaf zu ergattern, deutlich unter dem Gefrierpunkt. Dank meiner Aufregung bin ich sofort hellwach und ziehe mir meine sechs Schichten an, bestehend aus Funktionsunterwäsche, Fleece und Windjacke. Dann quetsche ich meine Füße in die unbequemen Hartplastik-Schuhe und mache mich mit Eisaxt, Gurt und Seil abmarschbereit.

    Langsam kommt Leben in das Basislager, das an die spartanische Version einer österreichischen Almhütte erinnert.  Als wir schließlich um kurz nach Mitternacht ins Freie treten, sehen wir bereits die Lichter vieler anderer Teams am Berg weit über uns. Der Weg führt über Geröll schnell zu einem wunderschönen Gletscher herauf, wo wir nach einer Stunde unsere Steigeisen anschnallen müssen. Nun beginnt die Qual! Die voraus gegangenen Teams haben eine kleine, kaum Halt bietende Rinne ins Eis getreten, in der wir und vier andere Seilschaften nun versuchen, den bis zu 75 Grad steilen Hang heraufzuklettern.  Schon nach wenigen Stunden kommen uns immer wieder mehr taumelnde als laufende Bergsteiger entgegen, die meist wegen unzureichender Akklimatisierung aufgeben mussten. Doch je mehr auch ich in der dünnen Luft nach Sauerstoff schnappen muss, je mehr sich der eisige Wind in mein Gesicht bohrt und je mehr die harten Schuhe an meiner bereits am Vortag aufgeplatzten Blase scheuern,  desto mehr verfluche auch ich diese Schinderei. Nur selten gönnt uns Enrique Pausen. Doch egal wie nahe ich einem Kreislaufkollaps bin, schon nach wenigen Minuten treibt mich die Kälte stets zurück in die Eisrinne.

    Gletscherpause - gemütlich ist was anderes...

    Gletscherpause - gemütlich ist was anderes...

    Nach fünf mörderischen Stunden erreichen wir einen gefrorenen Wasserfall auf 5500 Metern.  Mit einem Becher Tee aus der Thermoskanne beobachten wir einen der schönsten Sonnenaufgänge, die ich je gesehen habe.  Durch seine perfekte Form wirft der Cotopaxi einen riesigen, kegelförmigen Schatten auf das ecuadorianische Hochlandplateau. Wir sind bereits weit über den Wolken und durch eines der Wolkenlöcher lassen sich die Ausläufer Quitos ausmachen. Trotz der Stärkung werden unsere Schritte mit zunehmender Höhe langsamer, bis wir uns schließlich nach jedem zweiten Schritt erschöpft auf unsere Eisaxt sinken lassen- So brauchen wir für die letzten 80 Höhenmeter eine ganze Stunde. Doch dann haben wir es geschafft! Der Blick, der sich uns eröffnet, als wir die finalen Schritte mit dröhnenden Kopfschmerzen auf den zweit höchsten Berg der Welt setzen – das ist er zumindest an der Distanz zum Mond gemessen – ist atemberaubend.  Mein von Tränen verschwommener Blick wandert auf den verschneiten Vulkankrater und weiter zu einem gigantischen Wolkenmeer, das sich bis zum Horizont ausdehnt. Weit und breit ist keine höhere Erhebung zu entdecken.

    Da der untere Teil des Gletschers ab der frühen Mittagszeit durch tiefen Schnee und aufbrechende Gletscherspalten zu gefährlich wäre, drängt Enrique bereits nach 20 Minuten Glücksgefühl darauf, wieder aufzubrechen.  Vier Stunden später falle ich völlig entkräftet auf eine Pritsche im Basislager. Nach mehr als 13 Stunden am Berg schaffe ich es nicht einmal mehr, meine Kleider abzulegen bevor ich in einen tiefen Schlaf falle.

    Blick in die Vulkanlandschaft

    Blick in die Vulkanlandschaft

    Grundsätzlich kann jeder, der über eine gute Grundfitness und einen eisernen Willen verfügt mit ausreichender Akklimatisationsphase (mindestens fünf Tage oberhalb von 3500m), den Cotopaxi knacken. Unerfahrene sollten sich jedoch, so wie ich, einen Guide in Latatunga oder Quito organisieren, der einem auch das nötige Equipment zur Verfügung stellen kann.  Eine Cotopaxibesteigung ist nicht lebensgefährlich, bringt aber einen Durchschnittsmenschen hart an seine Belastbarkeitsgrenze. Ich jedenfalls kann dieses Abenteuer trotzdem nur wärmstens empfehlen!

    Cotopaxi Kurzinfo

    Dauer: 2-5 Tage, Schwierigkeit: technisch leicht, körperlich sehr anspruchsvoll, Kosten: Tour inkl. Guide, Nationalparkeintritt, Verpflegung, Jeeptransport und Equipement ca. 120 Euro in Latatunga und 130 Euro in Quito.